Die Kirche als Jurassic Park

Oder: Lässt sich religiöses Raumgefühl pädagogisch klonen?

von Andreas Mertin

Kirchenpädagogik-Symposion 6.2.99 in Marburg

Was ist Kirchenpädagogik?

Proto-thematische Überlegungen

Wer in einem heutigen Wörterbuch unter dem Stichwort Museumspädagogik nachschlägt, findet zwischen den Stichworten "Museumskatalog" und "museumsreif" folgende Beschreibung: "Museumspädagogik: pädagogische Arbeit im Museum; Die Museumspädagogik führt Kinder spielerisch an Kunst heran."(1) Vergleichbare Einträge etwa zu den Stichworten Medienpädagogik oder Religionspädagogik findet man nicht, von der Kirchenpädagogik ganz zu schweigen. Greift man die Beschreibung zur Museumspädagogik auf, so könnte man übertragen auf die Kirchenpädagogik sagen: Kirchenpädagogik: pädagogische Arbeit in der Kirche; Die Kirchenpädagogik führt Kinder spielerisch an ... und hier entsteht nun das erste Problem: Woran führt Kirchenpädagogik eigentlich heran: an Kirchen? an den Glauben? an das Christentum? an Gott? An Jesus Christus? Wenn die Museumspädagogik an die Gegenstände und Inhalte von Museen, also z.B. die bildende Kunst heranführt, was ist Inhalt und Gegenstand von Kirchen? Was sich bei Museen noch relativ leicht beantworten läßt, dürfte im Blick auf Kirchen nun nicht so schnell oder vielleicht auch gar nicht zu beantworten sein. Das Christentum hat sich jedenfalls nicht darauf einigen können, was Gegenstand und Inhalt von Kirchen ist und es hat auch keine architektonischen Metaphern ausgebildet, die als gemeinchristliche Orientierungspunkte dienen könnten. Und selbst wenn man zur näheren Bestimmung nach den evangelischen Gegenständen und Inhalten von Kirchen fragen würde, käme man im Spiel der unterschiedlichen Traditionsbildungen kaum weiter. Dabei sind die Fragen etwa nach dem barocken Kanzelaltar oder der schmucklosen Kirchenausstattung eher irreführend, denn sie bilden gerade keine charakteristischen Kennzeichen des Protestantismus. Kirchenpädagogik evangelischer Provenienz muß sich durch etwas anderes auszeichnen, als durch die spielerische Heranführung an Kirchenausstattungen. Die Frage ist nur: durch was?

Beobachtungen zur Landkarte der Kirchenpädagogik

Ergänzen wir die Frage, was Kirchenpädagogik eigentlich meinen könnte, mit der Frage, wer eigentlich Kirchenpädagogik betreibt. "Kirchenpädagogik" so scheint mir, ist zur Zeit noch weitgehend ein Arbeitsgebiet der kern-lutherischen Kirchen, also jenen, die der VELKD angehören. Hier jedenfalls finden wir die Mehrzahl sowohl der praktisch realisierten Modelle von Kirchenpädagogik als auch die Mehrzahl der theologischen Reflexionen. Erste Überlegungen der Bischöfe der VELKD in diese Richtung reichen bis in die 50er Jahre zurück.(2) Man kann und sollte einmal darüber nachdenken, wodurch sich diese sicher nicht zufällige Lokalisierung ergibt. Stichworte dieses noch nicht durchgeführten Reflexionsprozesses über die Landkarte der Kirchenpädagogik wären etwa die im Luthertum leichter zu vollziehende Annäherung an katholische Raumauffassungen, die Konkurrenz der ästhetisch ausgezeichneten Kirchenräume und schließlich die nicht so wichtige und entsprechend geringere Rücksichtnahme auf die reformierte Tradition.

In den unierten, vor allem aber in den reformierten Kirchen dürfte jedenfalls manche von Kirchenpädagogen gepflegte Redewendung (z.B. von der Predigt der Steine oder vom vierfachen Schriftsinn des Kirchengebäudes) kaum möglich sein. Zudem wäre in jenen Landeskirchen, in denen die reformierte Tradition lebendig ist, die gewagte Behauptung, die scheinbar sinnenleere Ausstattung protestantischer Kirchen sei verantwortlich für die offensichtliche Menschenleere der Gottesdienste, permanenter Widerlegung ausgesetzt. Die Kirchenstatistik meiner Heimatstadt belegt jedenfalls Jahr für Jahr, dass gerade die kargen reformierten Kirchenräume sich reger Nachfrage erfreuen - und dies sicher nicht wegen der dort stattfindenden kirchenpädagogischen Bemühungen. Andererseits ist nicht zu bestreiten, dass die jenseits der reformierten Tradition vorfindlichen, ästhetisch ausgezeichneten Kirchen eine deutliche Bevorzugung durch die Kirchenbesucher erfahren,(3) aber das scheint mir oftmals eher außerreligiösen Gründen, denn einer Praxis pietatis geschuldet, welche im Einklang von Glaube und Raum stünde.

Unabhängig davon jedoch bilden die in diesem Rahmen ausgebildeten kirchenpädagogischen Modelle interessante Impulse für die eigene Praxis auch anderer Landeskirchen und Kirchengemeinden aus. Dazu bedürfen sie aber auch einer eingehenden kritischen Untersuchung.

Verstehst Du auch, was Du machst? Kritische Einwände

Im folgenden mache ich eine Reihe von Einwänden, die auf die vorhandenen Praxismodelle und ihre theoretischen Legitimierungen Bezug nehmen.(4)

Welche Kirche wollen wir?

Mein erster Einwand bezieht sich auf die Zielperspektive der Praxis der Kirchenpädagogik. Was möchte sie eigentlich vermitteln? Den jeweils vorhandenen Kirchenraum, gleichgültig ob es sich um einen romanischen, gotischen, barocken, neoklassizistischen oder einen Betonbau handelt? Oder gibt es kirchenpädagogisch ausgezeichnete Räume? Die vorhandenen Modelle arbeiten jeweils in Kirchen, die aus vorreformatorischen Zeiten stammen und die einer Bauästhetik verpflichtet sind, die reformatorisch gebrochen wurde. Meine Vermutung lautet: der Idealraum der Kirchenpädagogik ist der katholische Kirchenraum vor dem II. Vatikanum, als der Gottesdienst noch nicht rationalisiert, das Heilige noch heilig, die Messe noch lateinisch und der Kirchenraum noch voller Geheimnisse war.

Diese Vermutung wird gestützt durch die in Anspruch genommene legitimatorische Literatur. Manchmal beschleicht mich der Verdacht, dass einige im Interesse einer religiösen Erlebnispädagogik sich lieber einem bestimmten katholischen Gedankengut annähern, als die Erkenntnisse und Errungenschaften der reformatorischen Bewegungen zu bedenken. Der in der Kirchenpädagogik häufiger anzutreffende Verweis auf die Symboldidaktik des "Dritten Auges" von Hubertus Halbfas(5) nährt massiv diesen Verdacht. M.E. macht Halbfas aber für sein Konzept theologische Voraussetzungen, die evangelisch nur um den Preis des Rückgangs hinter die reformatorischen Bekenntnisse ratifiziert werden können.(6) Wer also z.B. die mittelalterliche Lehre vom vierfachen Schriftsinn (die Luther schon 1517 ablehnte) ungebrochen auf Kirchengebäude anwendet, spricht diesen nicht nur eine Bedeutung zu, die ihnen evangelisch nicht zukommen kann, sondern restituiert implizit zugleich eine Hierarchie, die das Lehramt in Raumfragen unangemessen aufwertet. Nicht umsonst hat das Tridentinum gegen Luthers als subjektiv und willkürlich angesehene Hermeneutik auf den vierfachen Schriftsinn unter päpstlicher Kontrolle gesetzt. Im Protestantismus ereignet sich Glaube dagegen in bunter Raumvielfalt und Raumerfahrung nicht zuletzt unter den Paradigmen von "Vernunft, Verstehen und Bildung".(7)

Lassen sich Raummythen wiederbeleben?

Mein zweiter Einwand bezieht sich auf die manchmal etwas naiv anmutende Vorstellung, man brauche Kirchenräume nur entsprechend erläutern oder inszenieren und dann vermittle sich ein religiöses Erlebnis, das sich religionspädagogisch nutzen ließe. So einfach ist die Sache nicht, denn selbst bei bestem Einsatz wird die Vermittlung des Raums scheitern. Denn man muß davon ausgehen, dass auch architektonische Räume nur mit einem zugehörigen Mythos funktionieren. Ob es einen vermittelbaren Raummythos des Protestantismus aktuell gibt, ist eine sehr umstrittene Frage.

Schon 1976 hatte Walter Hollenweger auf dem Kirchbautag in Kassel ausgeführt: "Es gibt beobachtbare Tatsachen, die uns zeigen, dass eine Kirche ohne Mythos, ein Glaube ohne Mythos von der Mehrheit der Christen (inklusive der Pfarrer), ganz zu schweigen von den Nichtchristen, nicht verstanden werden kann. Das ist deshalb so, weil Kommunikation von Informationen ohne Mythenrahmen sich in allen Bereichen menschlichen Wissens als undurchführbar erwiesen hat."(8) Diesen Hinweis halte ich gerade im Blick auf die Diskussion um die Kirchenpädagogik für höchst bedeutsam; er besagt: Ohne Mythenrahmen keine Kirchenpädagogik! Was aber ist der geeignete Mythenrahmen? Dazu hatte Hollenweger seinerzeit ausgeführt: "Nicht jeder Mythos eignet sich als Darstellungsmedium des Evangeliums. Die Kriterien zur Unterscheidung des Mythos im allgemeinen und des 'wahren Mythos' werden aus dem Umgang der biblischen Schriftsteller mit dem ihnen vorliegenden Mythenmaterial erhoben."(9)

D.h. der Mythenrahmen muß nicht christlich, m.a.W. der Raummythos muß nicht notwendig evangelisch sein, aber der Umgang mit dem Raummythos muß evangelisch sein, d.h. er muß im laufenden Vollzug der Interpretation sich als genuin protestantisch erweisen. Hollenweger ist im Blick auf die westlichen Kirchen nun außerordentlich skeptisch, was das ihnen vorliegende Mythenmaterial betrifft und sieht sie auf die biblischen Texte zurückverwiesen. Im Bereich der Kirchenpädagogik scheint es mir aber so zu sein, dass wir in Raumfragen genügend Material für einen Mythenrahmen vorliegen haben, dass wir z.B. auf das Mythenmaterial des Katholizismus (heilig, sakral, Geheimnis), aber auch des Bürgertums (Ruhe, Abgrenzung, Meditation, Alltagsdifferenz) zurückgreifen können, um in der Auseinandersetzung mit diesen mythischen Raumdeutungen einen eigenen evangelischen Ansatz zu entwickeln.

Überkommene Mythen lassen sich nicht reaktivieren, aber durch Interpretation ins Bewußtsein heben. Sie können einen Tempel in Delphi oder Athen noch so lange in seiner mythologischen Bedeutung erläutern, kein Mensch mit Vernunft und Bildung wird mehr seine Knie vor Zeus oder Athene beugen. Gleiches gilt heute für die Elemente christlicher Kunstgeschichte, wie Georg Wilhelm Friedrich Hegel in seinem berühmten Text zur Ästhetik geschrieben hat: "Mögen wir die griechischen Götterbilder noch so vortrefflich finden und Gottvater, Christus, Maria noch so würdig und vollendet dargestellt sehen: es hilft nichts, unser Knie beugen wir doch nicht mehr".(10) Schon Hegel sah das "Mysteriöse", das "geheimnisvolle Ahnen" und die "Sehnsucht" als überkommene Formen des Religionsausdrucks an, welche allenfalls noch einen Mythenrahmen abgeben können.

Aber nicht nur der Bezug auf zugrundeliegende Mythen stellt ein Problem dar, ein viel größeres besteht darin, dass die Mehrzahl heutiger Kirchenräume sich vor allem deshalb nicht für Kirchenpädagogik eignet, weil sie gemütlich, behaglich, heimelig zugrunde gerichtet wurden.(11) Der Künstler Georg Baselitz hat das so beschrieben: "Grauselig, zu erleben, was da an hässlicher Gemeinheit, Unbildung, Kunstgewerbe, Missverstand und Kompromissen auf einen zukommt."(12)

Religiöse Atmosphäre ist in der Regel eine Frage von ästhetischer Reduktion, der Besinnung auf das Elementare. Die normalen Kirchenräume sind aber einem an-ästhetischen Überschuss zum Opfer gefallen, der sich zwar aus dem Herzen und dem gut Gemeinten speist, im Ergebnis aber religiösen Kitsch und Sozialromantik artikuliert. Gerade hier steht die Kirchenpädagogik vor einer Bewährungsprobe. Sie muß in der Interpretation der dem Kirchenbau entgegengebrachten Gefühle und Vorstellungen, in der Kritik der nicht dem evangelischen Glaubens angemessenen Raumformen und nicht zuletzt in der Deutung der vorhandenen Raumformen eine evangelische Perspektive eröffnen.

Kirchenpädagogik ist dabei kein Therapeutikum für eine dahinsterbende Volkskirche. Kirchenpädagogik eignet sich nur äußerst bedingt für den Gemeindeaufbau. Nur eine lebendige Religion vermag es, ihre Räume in den Augen der Nutzer auch als lebendig wahrnehmen zu lassen. Die Vitalität des Protestantismus erweist sich weniger in der Wiederbelebung vergangener Raummythen als vielmehr in deren zeit- und zukunftsbezogener Interpretation.

Ist Kirchenpädagogik zukunftsfähig?

Zukunftsfähig werden muß die Kirchenpädagogik, und das ist mein nächster Einwand, vor allem im Blick auf die weitere Entwicklung in der Gestaltung kirchlicher Räume. Museumspädagogik z.B. zielt ja auch auf ein besseres Verständnis der aktuellen Kunst, also der Entwicklung der Künste von den Anfängen bis in die Gegenwart hinein. Ihr Ziel ist auch und nicht zuletzt das Verstehen von Gegenwart. Dementsprechend müßte Kirchenpädagogik auch hinführen zum besseren Verständnis des aktuellen Kirchenbaus, sie müßte erläutern können, wie sich eine oder auch mehrere Linien der religiösen Behausung von den Anfängen bis in die Gegenwart ziehen und auch künftig weiterentwickelt werden. Hier scheint mir bei den bisherigen Überlegungen tabula rasa zu bestehen. Wenn jede Generation ihren Ausdruck auch im Kirchenbau finden muß, so müsste Kirchenpädagogik ein Beitrag zur Kompetenzerweiterung auch auf diesem Gebiet sein.

Denn tatsächlich kann ja die Geschichte der jüdisch-christlichen Religion als eine Geschichte "religiöser Räume" gelesen werden. Auf diese Weise entsteht am Beispiel der Baukunst eine Physiognomie religiöser Raumkultur.(13) Vom flexiblen Wohnen der Erzväter, den Wahrzeichen Ägyptens und dem Panorama Libanons, über den Genius Loci der Antike und die gotische Charakterschrift des Mittelalters sowie den neuen Illuminationen der Renaissance bis hin zu den Stadtgesichtern der (Post)Moderne lässt sich ein faszinierendes Bild menschlicher Religionsgeschichte entwerfen.

Wahrnehmbar wird ein Prozeß religiösen Bauens, der von den Zelten der Erzväter über die großen Kirchenbauten des Mittelalters bis in die postmoderne Gegenwart reicht. Dieser Prozeß hat aber keinesfalls in der Romanik oder Gotik seinen Höhepunkt gefunden, sondern er ist immer noch in der Entwicklung, er korrespondiert mit dem Glauben der Gemeinden in der Gegenwart. Kirchenpädagogik muß ihr Programm daher auch an Gemeindezentren oder postmodernen Kirchenentwürfen erläutern können.

Der Architekt Walter Förderer hat vor einigen Jahren davon gesprochen, dass die kirchliche Bausprache an ihr Ende gekommen sei.(14) Unabhängig davon, ob diese Diagnose zutreffend ist, ist sie eine zentrale Infragestellung der Kirchenpädagogik: nämlich dahingehend, ob sie nicht im Innersten (nur) pädagogisch aufbereitete Kirchengeschichte ist.

Der Rekurs auf die Tradition: Wurzelbaum oder Rhizom?

Mein vierter Einwand ist etwas komplexerer Art. Er betrifft die Art des Umgangs mit der Geschichte jener theologischen und ästhetischen Ideen, die sich mit dem Christentum und seinen Räumen verbinden. Aus der allgemeinen philosophischen Diskussion greife ich dazu die Stichworte "Wurzelbaum" und "Rhizom" auf. Die Frage lautet: Organisiert sich unser Umgang mit der Tradition im Sinne des klassischen Wurzelbaums, "der in seiner Entfaltung hierarchisch alle Differenzen umgreift" oder ist nicht eher das Rhizom paradigmatisch, das Wurzelstengelwerk, "bei dem Wurzel und Trieb nicht zu unterscheiden sind"?(15) Der Wurzelbaum kennt eine klare Logik der sich entwickelnden Traditionsstränge, der nach und nach geschehenden Ausdifferenzierungen. Das Rhizom dagegen tritt auch "in fremde Evolutionsketten ein und knüpft transversale Verbindungen zwischen divergenten Entwicklungslinien ... es spaltet und öffnet, es verlässt und verbindet, es differenziert und synthetisiert zugleich".(16)

Angewandt auf die Kirchenpädagogik lautet meine Diagnose: zu ihrer eigenen Legitimation arbeitet die Kirchenpädagogik mit dem Wurzelbaum, mit der großen sich differenzierenden Geschichte des abendländischen Kirchenbaus, den großen bis in die letzten Kirchen noch zu spürenden Traditionen (Wurzeln) der mittelalterlichen Raumgestaltung durch das Christentum, deren Vergewisserung zum Verständnis der Jetztzeit beitrage. Pragmatisch-faktisch arbeitet die Kirchenpädagogik aber mit dem Rhizom: sie greift aus der Tradition relativ beliebig ein Stück aus jener Entwicklungslinie, dann wieder ein Stück aus dieser Entwicklungslinie, verbindet beide ohne Rücksicht auf eventuelle Widersprüche, und trennt andere Linien wiederum ganz ab. M.a.W., zur Zeit erzeugt die Kirchenpädagogik ein riesiges "informelles Chaos".(17)

So wird etwa wortreich der Verlust der Kirchenbänke beklagt und dabei ganz vergessen, dass Kirchen im Mittelalter in der Regel weder Gestühl noch Bänke gehabt haben. Oder man verklärt das Kreuz bzw. das Kruzifix zum zentralen Symbol des Christentums (statt des Abendmahls oder Jesu Christi), oder versteht mittelalterliche Lehren umstandslos als weiterhin gültige gemeinchristliche Lehren. Jede Theorie, jede Lehre wird in diesem Sinne als gleich nah zur Gegenwart begriffen. Das alles lässt sich als rhizomatischer Umgang mit Geschichte begreifen, denn in der Praxis der Kirchenpädagogik werden die verschiedenen Entwicklungslinien kaum unterschieden.

Sesamstraße: Wohin führt Kirchenpädagogik?

Mein fünfter Einwand ist eher kulturpessimistischer Art: Kirchenpädagogik steht in der Gefahr, durch ihr Gelingen den traditionellen Gottesdienst in der Durchschnittsgemeinde schwer zu schädigen. Kirchenpädagogik darf sich nicht auf die Einführung in raumästhetisch ausgezeichnete Räume und die Simulation herausragender Situationen beschränken. Sie kann nicht nach dem Modell der "Traumhochzeit" die Erlebniswelt in den Kirchenraum verlängern. Wir bekommen sonst den von dem Medienkritiker Neil Postman beschriebenen "Sesamstraßeneffekt"(18): die Kinder glauben, künftig müsse jeder Gottesdienst ein Erlebnis sein mit abwechslungsreicher Struktur. Davon kann aber natürlich keine Rede sein, Gottesdienst ist vielmehr ein Ritual, das der natürlichen Motorik von Kinder an vielen Stellen widerstreitet und eingeübt werden will. Gottesdienstbesuch ist auch das Ergebnis eines Disziplinierungs- und Gewöhnungsaktes. Worum es geht, möchte ich mit einem veränderten Zitat des Philosophen Theodor W. Adorno deutlich machen, das dieser einmal im Blick auf die Kunst geäußert hat. Es lautet umformuliert:

"Der von den Kirchenpädagogen verbreitete Glaube, der religiöse Raum wäre, als Gegenstand unmittelbarer Anschauung, rein aus sich heraus zu verstehen, ist nicht stichhaltig. Er hat seine Grenze keineswegs bloß an den kulturellen Voraussetzungen eines Gebildes, seiner 'Sprache', der nur der Eingeweihte folgen kann. Sondern selbst wo keine Schwierigkeiten solcher Art im Wege sind, verlangt der religiöse Raum mehr, als dass man ihm sich überlässt. Wer den religiösen Raum bedeutsam finden will, der muß wissen, dass es ein religiöser Raum ist: ihm muß die Mutter erklärt haben, dass es nicht um ein großes Wohn- oder Warenhaus, sondern um eine Kirche sich handelt; er muß sich daran erinnern, dass ihm gesagt ward: morgen gehen wir in die Kirche. In der Tradition stehen hieß: den religiösen Raum als einen bestätigten, geltenden erfahren; in ihm teilhaben an den Reaktionen all derer, die ihn zuvor sahen und in ihm feierten. Fällt das einmal fort, so liegt der Raum in seiner Blöße und Fehlbarkeit zutage. Die Handlung wird aus einem Ritual zur Idiotie, die Musik aus einem Kanon sinnvoller Wendungen schal und abgestanden."(19)

M.a.W. es ist durchaus zweifelhaft, ob Kirchen in den Augen der Kinder nach der kirchenpädagogischen Aufklärung wirklich mehr darstellen, als eine "geile Location", deren Attraktivität eher aus der bleibenden Fremdheit, als aus der gewonnenen Vertrautheit herrührt. Kirchenpädagogik kommt m.E. erst dort zu ihrem Ziel, wo sie in religiöse Sozialisationsprozesse eingebunden ist. Damit sind wir aber bei einer anderen Form der Kirchenpädagogik, die sich weniger mit dem Raum, als vielmehr mit dem Leben in ihm beschäftigt: m.a.W. Kirchenpädagogik wird zur Religionspädagogik.

Jurassic Park: Lässt sich Raumgefühl klonen?

Kirchenpädagogen, so lautet mein sechster und letzter Einwand, müssen den Kirchenraum zu einem lebendigen Phänomen der Vergangenheit historisieren, um ihn heute um so effektvoller re-inszenieren zu können. Kirchenpädagogik - so lautet meine zugegebenermaßen etwas zugespitzte These - ist die ekklesiologische Variante des Jurassic Park.(20) Sie geschieht in der verzweifelten Hoffnung, die Dinosaurier religiösen Raumgefühls ließen sich pädagogisch klonen. Die berechtigte Skepsis, die der Paläontologe Alan Grant in Jurassic Park darüber äußert, welche Folgen es hat, wenn man zwei Phänomene, zwischen denen ganze Welten liegen, in ein und dieselbe Zeit bringt, kann und sollte auch für die Erfahrung des Raumes in Anschlag gebracht werden. Ob mittelalterliche, d.h. vorneuzeitliche Raumerfahrung mit moderner, d.h. neuzeitlicher Religiosität kompatibel ist, dürfte mehr als fraglich sein.

Und dennoch: Dass sich etwas Vergangenes als lebendig erweisen möchte, ist eine viele Sparten verbindende mythische Hoffnung. Sie eint so unterschiedliche Bereiche wie die Gentechnologie, die Film- und Multimediaindustrie(21) und eben auch Kirchen- und Museumspädagogik.(22) Zuerst muß freilich der behandelte Gegenstand an sich für tot erklärt werden, damit seine Re-Vitalisierung um so besser gelingen kann. Dino-Saurier, Kunstwerke, Kirchen, Geschichte - das alles erscheint dem Zeitgenossen als tot und muß deshalb aufwendig mit Leben versehen werden. Das ist sicherlich nicht zuletzt die Folge eines Erlebnishungers, der alles, was auch nur entfernt an Gestern erinnert, petrifiziert.

Deshalb stellt sich Kirchenpädagogik heute dar als ein Krisensymptom der säkularisierten Moderne, wie es der Kirchenpädagoge Christoph Ricker einmal charakterisiert hat.(23) Die tragende Überzeugung lautet: Der Glaube habe ein Vermittlungsproblem. Die klassischen Institutionen könnten Religion nur noch als Faktenwissen und nicht mehr praxisrelevant vermitteln. Dem typisch protestantischen Anschauungsverlust des Glaubens im Gottesdienst, so Ricker, korrespondiere ein Anschauungsverlust an gelebter Alltagsfrömmigkeit. Einer der wenigen Orte, wo der Mutterboden praktizierter Ausdrucksformen der christlichen Tradition noch bestellt werden könne (sic!), sei der Kirchenraum. Nicht mehr der Gottesdienst selbst, sondern sein Ort wird zum religiösen Biotop.(24) Das ist Jurassic Park pur, evangelisch ist es sicher nicht mehr.

Vom heiligen Ort zum religiösen Raum

Die Be-Deutung des Raumes in religiöser Perspektive unterliegt einer Dynamik, die allgemein als Entwicklung "vom Sakralen zum Religiösen" bezeichnet werden kann.

Der neuzeitliche Verlust des heiligen Ortes

In der Gegenwart, dafür sprechen zahlreiche Indizien, gibt es so etwas wie einen heiligen Ort nicht mehr. Hier folge ich den Überlegungen des Religionswissenschaftlers Mircea Eliade, der plausibel gemacht hat, dass die religiöse Raumerfahrung historisch an bestimmte Einstellungen von Menschen gebunden ist. Eliade meint: heilige Orte haben die Welt, die vorher leer und gleichförmig war, für den Menschen überhaupt erst erfahrbar gemacht. Dabei gilt: "a) ein heiliger Ort stellt einen Bruch in der Homogenität des Raumes dar; b) dieser Bruch ist durch eine 'Öffnung' symbolisiert, die den Übergang von einer kosmischen Region zur anderen ermöglicht (vom Himmel zur Erde und umgekehrt von der Erde in die Unterwelt); c) die Verbindung mit dem Himmel kann durch verschiedene Bilder ausgedrückt werden, die sich alle auf die axis mundi beziehen: Säule, Leiter, Berg, Baum, Liane usw.; d) rund um diese Weltachse erstreckt sich die 'Welt' ('unsere Welt'), folglich befindet sich die Achse 'in der Mitte', im 'Nabel der Erde', sie ist das Zentrum der Welt."(25) Diese Erfahrung ist freilich an den religiösen Menschen geknüpft. Der moderne Mensch, wie er sich seit der Neuzeit, vor allem seit der Aufklärung entwickelt, ist zu einer derartigen Erfahrung nicht mehr fähig. Heilige Orte sind für die Moderne deshalb eine Erscheinung der Vergangenheit.

Der Psychoanalytiker Alfred Lorenzer hat darüber hinaus am Beispiel der Folgen des II. Vatikanums demonstriert, dass ein räumlich-präsentatives Symbolsystem, wenn es einmal unterminiert worden ist, nicht willkürlich wieder restituiert werden kann.(26)

Allerdings, und darin kann man nun dem Reflexionshistoriker Michel Foucault folgen, gibt es weiter eine Differenzierung von Räumen, die nicht folgenlos für unsere Weltwahrnehmung ist. Räume sind uns heutzutage keineswegs gleich-gültig geworden. So unterscheiden wir weiterhin öffentliche und private Räume, gesellschaftliche und familiäre Räume, Arbeits- und Freizeit-Räume. "Alle diese Gegensätze leben noch von einer stummen Sakralisierung."(27) Deutlich sei, "dass wir nicht in einem homogenen und leeren Raum leben, sondern in einem Raum, der mit Qualitäten aufgeladen ist".(28)

An dieser Dialektik von "nicht mehr" (heiliger Ort) und "doch noch" (religiöser Raum) muß sich Kirchenpädagogik abarbeiten. Denn gerade gotische Tourismuskirchen wie zum Beispiel die Elisabethkirche in Marburg zeigen augenfällig, dass das religiöse Erleben des Mittelalters nicht restituiert werden kann.(29) Das gilt ebenso für die Wallfahrt zum Grab der Heiligen Elisabeth wie für die mit der Gotik verbundene Raumerfahrung. Entweder belässt man die Kirche so wie sie ist, dann ist der religiöse Erfahrungsprozess der Vergangenheit zerstört, weil die Mehrzahl der Altäre, Bilder und Kanzeln schon lange nicht mehr an ihrer religiös-funktional-adäquaten Stelle steht, oder man verändert den Raum entsprechend seiner Strukturierung in der Vergangenheit, dann schafft man eine bloß virtuelle Religionserfahrung(30), die so viel mit heutiger Religion zu tun hat, wie der Flug eines Flugzeuges mit seiner Simulation in einem Flugsimulator.(31)

Die neuzeitliche (Dis-) Kontinuität des religiösen Raumes

Auf der anderen Seite werden kirchliche Räume auch heute keinesfalls als bloß profan angesehen. Trotz aller protestantischen Aufklärung bleibt etwas von dem erhalten, was Michel Foucault die "stumme Sakralisierung" des Raumes genannt hat. Wir leben in und mit religiösen Räumen und nur schwer können wir uns, was ihre je spezifische religiöse Ausdrucksform und ihre subjektive Erfahrung betrifft, umgewöhnen.

Für den Rest meines Lebens werde ich romanische, gotische oder barocke Kirchenräume für Dokumente unserer religiösen Vergangenheit halten und mit ihnen keine authentischen religiösen Gefühle verbinden. Ein gotisches Gebäude analysiere ich also zum Beispiel in den Kategorien des Erhabenen nach Immanuel Kant, die Trutzigkeit romanischer Kirchenbauten beziehe ich auf die Zeit, in der sie entstanden sind, den barock gestalteten Kirchenraum werde ich immer für eine geschmacklose Entgleisung der Religions- und Kunstgeschichte halten. Moderne Kirchenbauten sind für mich vor allem eine Anfrage an die ihnen zugrundeliegende Theologie und Architektur, und schließlich sind postmoderne Umbauungen von Religion für mich eine intellektuelle Herausforderung. Religiös bedeutungsvoll wird für mich aber vor allem der schlichte weiße Raum sein, die Konzentration aufs Elementare und Wesentliche, auf das "Es geschieht ..." Das hat etwas mit meiner eigenen religiösen Sozialisation zu tun und natürlich auch etwas mit meiner religiösen Lebenswelt.

Für meinen Nachbarn wiederum kann sich dies völlig anders darstellen. Eine Vielzahl von Menschen liebt klassizistische, barocke oder gotische Kirchenformen(32) und nur unter bestimmten eingeschränkten Aspekten andere, rationalere Formen. Religiöse Raumerfahrung ist sicher nicht verschwunden, aber es lassen sich keine allgemeinverbindlichen Erfahrungsformen mehr beschreiben. Jugendliche zeigen ein anderes Rauminteresse als Ältere, regelmäßige Kirchenbesucher wiederum ein anderes als Kirchenferne. Ähnliche Differenzierungen lassen sich im Blick auf Geschlecht oder Bildung anbringen. Mit dieser Situation der Pluriformität der Wahrnehmung religiöser Ausdrucksformen müssen wir leben. Religiöser Raum ist in der evangelischen Kirche das Ergebnis eines Konsenses vor Ort und kann dementsprechend äußerst unterschiedlich ausfallen. Ein Gemeindezentrum kann ebenso religiöser Raum sein wie ein gotischer Kirchenraum ein nur museal wahrgenommener Ausstellungsbereich.

Die protestantischen Flagellanten

Das sehen die aktuellen Entwürfe zur Kirchenpädagogik freilich nicht so. Insbesondere die protestantische praxis pietatis in ihrer historisch bedingten und entwickelten ästhetischen Reduktion unterliegt ihrer Kritik. Die Religions- und Gottesdienstpraxis des Protestantismus wird gleichgesetzt mit Askese und Sinnenarmut, ihre Verkopfung wortreich beklagt und für alle möglichen Folgen verantwortlich gemacht. Eine Kirche ohne Sinnlichkeit und ohne innerstes Geheimnis der Wirklichkeit sei keine Kirche mehr, lautet das Bekenntnis dieser Flagellanten. Dagegen wird dann inszeniert, erlebnisorientiert entdeckt, neugierig gemacht, Atmosphäre geschaffen. Das Hauptproblem bisheriger Überlegungen zur Kirchenpädagogik sehe ich deshalb vor allem darin, dass zeitgenössische und zeitgemäße evangelische Religionserfahrung durch die geschilderte Art der Erlebnispädagogik gerade nicht möglich wird. Was erfährt man denn durch die Kirchenpädagogik über den Protestantismus, den protestantischen Stil am Ende des 2. Jahrtausends? Dass der Protestantismus und seine Bauformen eine verkümmerte Form religiöser Lebensweise darstellen? Dass deshalb Kirchenpädagogik vermitteln muß zwischen protestantischer und katholischer Hochschätzung des Sakralraumes, um beides zusammenzuführen?(33) Vermittlung gelingt nur dort, wo Standpunkte auch vertreten werden. Dazu leistet Kirchenpädagogik bisher wenig. Sie muß daher viel konsequenter protestantischen Stil vermitteln und darf nicht implizit als dessen Gegenentwurf auftreten.

Skizzen protestantischer Kirchenpädagogik

Rahmenbedingungen religiöser Raumerfahrung

Aufgabe der christlichen Religion ist es, Formen zu finden, Zeiten und Räume so zu gestalten, dass Gottes Ankunft in der Gegenwart zumindest nicht systematisch verhindert wird. Gott ist ein Gott der Gegenwart. Die evangelische Kirche muß darum eine qualifizierte Gegenwart anstreben. Sie kann das, indem sie sich am Diskurs um die Gewinnung qualifizierter Gegenwart beteiligt. Dies geschieht primär in der Auseinandersetzung mit der Gegenwartskultur. Qualifizierte Gegenwart ist ein Konstrukt von Erfahrungen. Sie ist das Endresultat eines komplizierten Prozesses von Wahrnehmungen: des Selbst, der Gesellschaft, von Allgemeinem und Besonderem.(34)

Im Blick auf die räumliche Gestalt der Kirche ist, wie Matthias Zeindler geschrieben hat, "als erstes von dem zu sprechen, was die "Qualität" oder der "Charakter" eines Raums genannt worden ist. Durch seine Anlage, seine Dimensionen, die Lichtverhältnisse, durch die verwendeten Materialien und Techniken, durch Farben, Proportionen und Symmetrien und durch anderes mehr wirkt ein Raum auf vielfältige Art auf diejenigen, die sich in ihm aufhalten. Er affiziert verschiedenen Sinne, so neben dem Sehsinn und dem Gehör auch Tast- und Geruchssinn. Er löst Assoziationen, Erinnerungen, Ahnungen und Gedanken aus. In diesem Wechselspiel von wahrgenommenen Raumgegebenheiten und durch sie ausgelösten geistigen Bewegungen nimmt der Raum für den Wahrnehmenden bzw. die Wahrnehmende - auf Anhieb oder als Ergebnis eines längeren Prozesses - einen bestimmten Charakter an, aufgrund dessen er in einer spezifischen, diskursiv nicht weiter auflösbaren Weise zu ihm bzw. ihr "spricht". Ein Raum kann so etwa als weit oder bedrückend, klar oder irritierend, kalt oder bergend empfunden werden. Da jeder Raum eine bestimmte Raumqualität hat, muss diese bewusst gestaltet werden ... Hier kommt noch einmal das Selbstverständnis der Gemeinde ins Spiel, ist doch der Gottesdienstraum ein Stück gestaltgewordener Gottesdiensttheologie. Am Selbstverständnis der Gemeinde entscheidet sich, ob eine Kirche als Wegkirche, als Zentralbau etc. angelegt wird. In gleicher Weise kommt an der Stellung des Altars oder an der Platzierung und den Ausmaßen der Kanzel eine bestimmte Gottesdienstauffassung zum Ausdruck."(35) M.a.W. mit dem bewusst gestalteten Raum zeigt sich immer auch ein religiöser Stil.

Was ist protestantischer Stil?

Protestantismus kann als eine charakteristische religiöse Haltung beschrieben werden, die sich nicht zuletzt im Verhältnis zur Welt ausprägt. Die Verbindung von Individualität und Gesamtheit bzw. Gemeinschaft hat dabei eine neue Idee von der Kirche hervorgebracht, die in der inneren Verbundenheit des Glaubens besteht. Die nach außen hin so bunte und vielfältige Erscheinungsform des Protestantismus hat aber auch im Handeln eine erstaunliche Einheit. Für die Entwicklung des Protestantismus' ist es typisch, dass er von Anfang an eine kritisch-wissenschaftliche Theologie besessen hat. Rationale Reflexion spielte immer eine entscheidende Rolle. Wahrheit und Ethos fanden zu einem Verhältnis, das am besten als existentiell beschrieben werden kann. Luthers Wort "Hier stehe ich, ich kann nicht anders" charakterisiert ebenso wie seine Berufung auf Gewissen, Vernunft und Heilige Schrift die protestantische Haltung. Hierin liegt zugleich die Ablehnung aller bloßen Tradition begründet.

Die Härte, mit der das ,Sola Scriptura" vertreten wird und mit der alle sonstige Überlieferung als Sekundär-Erscheinung abqualifiziert wird, hat ihren Grund in der Ausschließlichkeit der Heilsbedeutung Christi. Diese erlaubt keine Abschweifung, Erweiterung oder Ersatzmittel, wie etwa Marienkult und Heiligenverehrung. In dieser Frage ist sich der sonst so vielgestaltige Protestantismus völlig einig. Theologischer Liberalismus, der in Jesus nur den besonders qualifizierten Menschen sieht, urteilt hier nicht anders als die orthodoxe Kirchenlehre, die ihn als wahren Menschen und wahren Gott bekennt. In aller Verschiedenheit erzwingt die exklusive Bindung an Christus eine gemeinsame Betonung der Unmittelbarkeit des Glaubens als der einzigen Weise, in der der Mensch ohne Eigenverdienst, sich ganz und gar der Gnade verdankend, der Liebe sich öffnen und in der Liebe zum Mitmenschen tätig werden kann.

Daraus erklärt sich auch das ambivalente Verhältnis zur Kirche. Die dem Protestantismus eigentümliche schonungslose Selbstkritik verschont auch die Institution Kirche nicht. Sie kann daher in keinem ausgesparten Sakralraum belassen werden, sondern wird in die allgemeine Selbstkritik des christlichen Existenzwandels hineingerufen. Alle kirchliche Ordnung und Institution wird zwar als geschichtlich notwendig begriffen, ist aber dennoch steter Reform bedürftig.(36) In diesem Rahmen "protestantischer Stilbildung" ereignet sich notwendig alle evangelische Kirchenpädagogik.

Kirchenpädagogik evangelisch

Bedenkt man das bisher Ausgeführte, so ergibt sich implizit das Programm einer Kirchenpädagogik in evangelischer Perspektive: Im Unterschied zur bisherigen Praxis wird die Kirchenpädagogik stärker die Einsichten reformierter und lutherischer Theologie in der Raumfrage aufgreifen und vermitteln müssen. Sie muß die spezifische Rationalität, die der Protestantismus in Raumfragen pflegt, einsichtig machen. Im Blick auf die zu vermittelnden Räume darf es keine Bevorzugung bestimmter Raumtypen und -inszenierungen geben. In protestantischer Auslegung sind Räume keine Bedeutungsträger im ontologischen Sinn, ihre Funktion und Wertigkeit konstituiert sich erst im konkreten Gebrauch. Genau diesen Vorgang der Entstehung religiöser Räume kann und muß Kirchenpädagogik vermitteln.

Ein nicht zu vernachlässigender Gesichtspunkt der Kirchenpädagogik muß deshalb auch sein, dass sie die Wahrnehmung für künftige neue Gestaltungen religiöser Räume öffnet, dass sie sensibel macht für Atmosphären und Erfahrungsformen, die nicht auf die Tradition fixiert sind. Kirchenpädagogik wird sich auch als Raumkritik entfalten müssen, nämlich da, wo sich diese dem Christentum zugrundeliegenden Erzählungen in konkreten Räumen nicht entfalten können. Thema der Kirchenpädagogik wird dabei vor allem der Zusammenhang von Glaubens- und Raumerfahrung sein, (37) m.a.W. die Einbindung von Raumerfahrungen in die konkreten (religiösen) Sozialisationsprozesse. Dabei lässt sich Raumgefühl nicht klonen. Das Mittelalter ist - seiner Faszination des Geheimnisvollen und zugleich Bedeutungsvollen zum Trotz - Geschichte, seine Reflexionen sind in die der Moderne eingeflossen und von ihr aufgehoben worden. Im Bezug auf die Entwicklung des religiösen Raumes wird sich evangelische Kirchenpädagogik auf die biblischen Wurzeln, ihre Entwicklung im Verlauf der Kirchengeschichte, vor allem aber auf die Genese der aktuellen Triebe beziehen, aber sie wird keinen rhizomatischen oder eklektizistischen Umgang mit der Tradition pflegen können.

Entgegen anderslautenden Meldungen(38) ist der starke heilige Ort im Sinne der axis mundi für die Moderne und die Jetztzeit ein Modell der Vergangenheit. Auch phänomenologisch lässt sich das Heilige als Topographie nur noch archäologisch ermitteln. Was geblieben ist von der ehemaligen Auszeichnung heiliger Ort ist die fortdauernde "stumme Sakralisierung". Von ihr muß Kirchenpädagogik ausgehen, sie ist gerade in evangelischer Perspektive klärungs- und erläuterungsbedürftig.

Am plausibelsten unter allen Überlegungen zur Kirchenpädagogik erscheinen mir einige Überlegungen von Klaus Raschzok, die er im Anschluss an Christian Trappe entwickelt hat: Kirchenpädagogik zu verstehen als Erläuterung der Nutzungsspuren einer Kirche!(39) Nicht das unmittelbar Vorgegebene, sondern der konkrete Gebrauch ist das zu Erläuternde. Das lenkt die Aufmerksamkeit nicht nur auf den Gottesdienst, sondern ebenso auf den touristischen und den Alltags-Gebrauch einer Kirche.

Was Raschzok dabei unter den Stichworten "Vision und Rekonstruktion" beschreibt, würde ich eher als "Inszenierung und Vergegenwärtigung" charakterisieren. Die institutionellen Räume der Religion sind - wie die Räume der Kunst - inszenierte Räume. Wobei deren Inszenierungen sich nicht nur aus objektiven Erfordernissen entwickeln, sondern sich an den Bedürfnissen und Erwartungen der Besucher orientieren. In diesem Sinne suchen Kirchenräumen den Besucher einzustimmen auf das, was ihn erwartet und sie beschwören dazu den ganzen Kosmos und damit auch die Geschichte des religiösen Raumes. Institutioneller Religion begegnen wir immer in der Form der Inszenierung. Das heißt nicht, dass wir nicht auch ohne sie religiöse Erfahrungen machen können. Es heißt aber, dass im Kontext dieser Institutionen eine bestimmte Reflexions-, man kann auch sagen: Umgangs-, Deutungs- und Erfahrungsform gepflegt wird. Deshalb gäbe das Kampagnen-Motto der Evangelischen Kirche von Hessen-Nassau - Evangelisch aus gutem Grund - auch ein gutes Motto für die Kirchenpädagogik ab. Ihr Ziel muß zumindest auch die Vermittlung protestantischen Stils sein.

Zum Abschluss eine (nicht unernst gemeinte) ironische Bemerkung: worauf ich mit Spannung warte, ist die erste Gemeindehauspädagogik. Sie erst vollendet das Priestertum aller Gläubigen, denn sie lässt eben nicht nur, mit den Worten Martin Luthers, noch oben blicken, sondern nimmt auch den religiösen Alltag war; denn:

"das erfahren wir täglich, wie jedermann nur über sich, zur Ehre, zur Gewalt, zum Reichtum, zur Kunst, zu gutem Leben und allem, was groß und hoch ist, sich bemüht. Und wo solche Leute sind, denen hängt jedermann an, da läuft man hinzu, da dient man gern, da will jedermann sein und der Höhe teilhaftig werden ... Wiederum in die Tiefe will niemand sehen. Wo Armut, Schmach, Not, Jammer und Angst ist, da wendet jedermann die Augen ab. Und wo solche Leute sind, da läuft jedermann davon, da flieht, da scheut, da lässt man sie und denkt niemand, ihnen zu helfen, beizustehen und zu machen, dass sie auch etwas sind."(40)

Diesem urprotestantischen Blickwinkel habe ich nichts hinzuzufügen.


Zusammenfassende Thesen

Was ist Kirchenpädagogik?

  • Kirchenpädagogik ist im Gegensatz etwa zur Museums- oder Religionspädagogik bisher nicht zureichend bestimmt. Unklar ist dabei vor allem, was ihr zu vermittelnder Gegenstand ist.
  • Kirchenpädagogik hat einen Schwerpunkt im Bereich der Kirchen der VELKD. Die dort angewandte Theologie des Raumes bildet ein Konfliktpotential zu den Raumauffassungen anderer reformatorischer Kirchen.

    Kritische Einwände

  1. Die Kirchenpädagogik setzt zu leichtfertig auf die These, hinter der Gestalt der Kirchengebäude verberge sich ein weiterer, aus Vernunft und Wissen nicht allein zu erschließender Sinn.
  2. Wenn Raumerfahrung gelingen soll, müssen die zugrundeliegenden Erzählungen (Mythen) als lebendig erfahren werden. Ohne sie gelingt keine Kirchenpädagogik.
  3. Kirchenpädagogik darf sich nicht an bestimmte, raumästhetisch ausgezeichnete Gebäude binden, sie muß jeden Versammlungsraum als religiösen erschließen können.
  4. In Bezug auf die Legitimation der Kirchenpädagogik bildet die unkritische Art des Umgangs mit anderen Raummythen eine spezifische Herausforderung.
  5. Der Effekt der Kirchenpädagogik darf nicht die Vermittlung der Illusion sein, religiöse Rituale und Feiern seien Bestandteil der Erlebnisgesellschaft nach den Paradigmen Spaß, Fun, Action.
  6. Orientierungspunkt der Kirchenpädagogik sollte kein imaginäres religiöses Raumgefühl des Mittelalters sein, sondern der geistesgegenwärtige Glaube der Gegenwart.

    Vom heiligen Ort zum religiösen Raum

  7. Vorstellungen wie die von der Heiligkeit eines Ortes sind nicht zuletzt durch die reformatorische Kritik überwunden worden. Sie sind eng mit vorneuzeitlichen Erfahrungsformen verknüpft und können nicht einfach wiederhergestellt werden.
  8. Räume werden weiterhin mit unterschiedlichen Wertigkeiten verbunden. Dabei ergibt sich eine Vielzahl von Raummythologien, abhängig von Alter, Bildung, Geschlecht und Sozialisation. Religiöse Räume in der Gegenwart sind das Ergebnis eines religiös-kulturellen Konsenses.
  9. Die protestantische Umgangsform mit religiösen Räumen ist das Ergebnis eines Jahrhunderte währenden Reflexionsprozesses. Sie ist nicht Zeichen eines Defizits an Sinnlichkeit, sondern Ausdruck einer religiösen Konzentration auf das Wesentliche.

    Skizzen protestantischer Kirchenpädagogik

  10. Der religiösen Erfahrung der Gegenwart ist der Raum nicht gleichgültig. Seine Gestaltung ist Ausdruck der religiösen Selbstinterpretation einer Gemeinde. Durch die Reflexion und Gestaltung des Raumes gibt sie Auskunft über ihr Selbstverständnis in der Welt.
  11. In der pluralen Erscheinungsform des Protestantismus läßt sich als gemeinsamer protestantischer Stil die Konzentration auf Jesus Christus und die Heilige Schrift, die Verbindung von Individualität und Gemeinschaft, ein existentielles Verhältnis von Wahrheit und Ethos, die kritische Haltung zur Institution Kirche und die Abwehr religiöser Verdinglichungen bezeichnen.
  12. Der protestantische Stil zeigt sich auch im Blick auf den Raum. Kirchenpädagogik in evangelischer Perspektive erläutert den Gebrauch eines Raumes für Gottesdienst und Alltag, thematisiert die 'Nutzungsspuren' des Gebäudes und entfaltet sich vor allem in der rationalen Kritik der kursierenden Raummythen.

Anmerkungen


  1. Karl-Dieter Bünting, Deutsches Wörterbuch, Chur 1996.
  2. Vgl. dazu Christian Grethlein: "'Kirchenpädagogik' im Blickfeld der Praktischen Theologie"; in: Th. Klie (Hg.), Der Religion Raum geben. Kirchenpädagogik und religiöses Lernen. Münster 1998, S. 17-33., hier S. 19f.
  3. Im statistischen Bericht der EKHN über das kirchliche Leben in den Gemeinden 1995 zeigt sich, dass in Gemeinden mit bekannten, überregional bedeutsamen Kirchengebäuden der Gottesdienstbesuch signifikant von allen anderen Gemeinden, seien Stadt-, Land- oder Großstadtgemeinden, abweicht und in den letzten Jahren sogar deutlich angestiegen ist.
  4. Vgl. dazu den Sammelband Th. Klie (Hg.), Der Religion Raum geben. a.a.O; Degen/Hansen (Hg.), Lernort Kirchenraum, Münster 1998.
  5. Hubertus Halbfas, Das dritte Auge, Düsseldorf 1992
  6. Vgl. dazu etwa Michael Meyer-Blanck: "Vom Symbol zum Zeichen. Plädoyer für eine semiotische Revision der Symboldidaktik"; in: Dressler/Meyer-Blanck (Hg.), Religion zeigen. Religionspädagogik und Semiotik. Münster 1998. S. 10-26, hier S. 12f.
  7. Muß daran erinnert werden, was die Maßstäbe der Schriftauslegung für die mittelalterliche Theologie waren? Nämlich "zum einen die kirchliche Tradition, zum anderen die Entscheidungen des kirchlichen Lehramts, welches zwischen dem richtigen und dem falschen Verständnis zu unterscheiden bevollmächtigt ist. Seit dem Tridentinum (1545-1563) ist die letzte Entscheidung über die Hermeneutik der Schriftauslegung und deren Ergebnisse in der katholischen Kirche ausdrücklich dem kirchlichen Lehramt vorbehalten, das im Vatikanum I für unfehlbar erklärt wurde." (TRT Art. Hermeneutik). Die Reformation beschränkte sich auf den Wortsinn, also auf das, was "jeder vernünftige, einigermaßen zum Verstehen befähigte und gebildete Mensch erfassen kann" (ebd.). Daher ist der kirchenpädagogische Rekurs auf den vierfachen Schriftsinn zumindest missverständlich. Er ist zudem für die angezielten pädagogischen Zwecke absolut überflüssig.
  8. Vgl. Walter J. Hollenweger: "Schöpferische Liturgie"; in: R. Bürgel (Hg.), Umgang mit Raum. Dokumentation über den 16. Ev. Kirchbautag Kassel 1976. Gütersloh 1977, S. 89-98.
  9. Ebd.
  10. Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Ästhetik. 2 Bände. Berlin 4/1985. Band 1, S. 110: "Bei fortgehender Bildung tritt überhaupt bei jedem Volke eine Zeit ein, in welcher die Kunst über sich selbst hinausweist. So haben z. B. die historischen Elemente des Christentums, Christi Erscheinen, sein Leben und Sterben, der Kunst als Malerei vornehmlich mannigfaltige Gelegenheit sich auszubilden gegeben, und die Kirche selbst hat die Kunst großgezogen oder gewähren lassen; als aber der Trieb des Wissens und Forschens und das Bedürfnis innerer Geistigkeit die Reformation hervortrieben, ward auch die religiöse Vorstellung von dem sinnlichen Elemente abgerufen und auf die Innerlichkeit des Gemüts und Denkens zurückgeführt. In dieser Weise besteht das Nach der Kunst darin, dass dem Geist das Bedürfnis einwohnt, sich nur in seinem eigenen Inneren als der wahren Form für die Wahrheit zu befriedigen. Die Kunst in ihren Anfängen lässt noch Mysteriöses, ein geheimnisvolles Ahnen und eine Sehnsucht übrig; weil ihre Gebilde noch ihren vollen Gehalt nicht vollendet für die bildliche Anschauung herausgestellt haben. Ist aber der vollkommene Inhalt vollkommen in Kunstgestalten hervorgetreten, so wendet sich der weiterblickende Geist von dieser Objektivität in sein Inneres zurück und stößt sie von sich fort. Solch eine Zeit ist die unsrige. Man kann wohl hoffen, dass die Kunst immer mehr steigen und sich vollenden werde, aber ihre Form hat aufgehört, das höchste Bedürfnis des Geistes zu sein. Mögen wir die griechischen Götterbilder noch so vortrefflich finden und Gottvater, Christus, Maria noch so würdig und vollendet dargestellt sehen: es hilft nichts, unser Knie beugen wir doch nicht mehr."
  11. Vgl. dazu Dietrich Neuhaus, Der Theologe als Dandy. Zur Ästhetik des Protestantismus, Magazin für Theologie und Ästhetik, Ausgabe 1, 1998, http://www.theomag.de/01/dn1.htm
  12. Georg Baselitz: "Alles Falsche auf einem Bild macht es richtig". Kunstforum 136, 1997, S. 254-281, hier S. 260.
  13. Vgl. Klaas Huizing, Das erlesene Gesicht. Vorschule einer physiognomischen Theologie, Gütersloh 1992, S. 172ff.
  14. Walter M. Förder: Kirchenbau - Hindernis für den kirchlichen Auftrag?, in: G. Rombold (Hg.): Kirchen für die Zukunft bauen. Beiträge zum neuen Kirchenverständnis. Wien 1969, S. 149-165.
  15. Welsch, Wolfgang: Unsere postmoderne Moderne. Weinheim 2/1988, S. 142.
  16. Ebd.
  17. Ebd. Besser wäre natürlich die umgekehrte Vorgehensweise. Legitimatorisch darauf zu verweisen, dass in allen Zweigen die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit den Räumen des Glaubens besteht und Theorieelemente, Erzählungen und Mythen bereit liegen; pragmatisch-faktisch aber auf den protestantischen Trieb die Wurzelbaumes "Kirchenraum" zu zielen.
  18. "Heute wissen wir, dass Sesam Straße die Kinder nur dann ermuntert, die Schule zu lieben, wenn es in der Schule zugeht wie in der Sesam Straße". Neil Postman: Wir amüsieren uns zu Tode. Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie. Frankfurt 1988.
  19. Vgl. Theodor W. Adorno: Minima Moralia: Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Frankfurt 1981. Aphorismus 143
  20. Den Film beschreibt die Zeitschrift Cinema so: "Jurassic Park: Geklonte Dinos vertreten sich im Freizeitpark die Beine. (Saurier-Action). Dinosaurier und Menschen, zwei Spezies, zwischen denen 65 Millionen Jahre der Evolution liegen, in ein und dieselbe Zeit katapultiert wie können wir auch nur die blasseste Vorstellung haben von dem, was uns erwartet?" Der Paläontologe Alan Grant (Sam Neill) ahnt noch nicht, wie schnell sich seine Frage beantworten wird. Nachdem einer der von Milliardär Hammond (Richard Attenborough) geklonten Saurier einen Arbeiter getötet hat, veranlasst die Versicherungsgesellschaft eine Untersuchung im "Jurassic Park". Mit seiner Freundin, der Paläobotanikerin Ellie Sattler (Laura Dern), Hammonds Enkeln und dem Chaostheoretiker Malcolm (Jeff Goldblum) macht sich Grant auf eine Erlebnistour durch das Gelände. Die Dino-Safari wird keiner von ihnen je wieder vergessen. Gerade als das Team vor dem Gehege des Tyrannosaurus Rex eintrifft, bringt ein Hurrikan alle Sicherheitssysteme zum Erliegen..."
  21. Die Medienbeilage 01/99 der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft liefert eine Fülle von Beschreibungen von Produkten, die umstandslos auf die Ziele der Kirchenpädagogik übertragen werden könnten. So heißt es zur CD "Giganten, Götter und Gorgonen": "Besuchen Sie die faszinierende Welt der antiken Götter auf virtuellem Wege: In Bildern, Karten und teilweise gesprochenen Texten werden Mythen wieder lebendig". Über eine CD zum Kölner Dom heißt es: "Schließlich unternehmen sie eine multimediale Wallfahrt auf den Pilgerfahrten des Mittelalters." Das schont die Füße und die Knie. Ob diese Wallfahrt freilich ihren Zweck erfüllt, dürfte bezweifelt werden.
  22. An sich ist die Museumspädagogik das Schreckbild aller Kirchenpädagogik, wiewohl es real ihr Spiegelbild ist. So museal wie es in der Museumspädagogik angeblich mit der Kunst geschieht, möchte man mit Räumen und Artefakten nicht umgehen und tut es notwendig doch.
  23. Christoph Ricker: "Brücke zwischen Sehen und Hören. Kirchenpädagogik und ihre Vermittlungsfunktionen"; in: Th. Klie (Hg.), Der Religion Raum geben, a.a.O., S. 136-148, hier S. 141.
  24. Alle vorstehenden Beschreibungen bei Ricker, a.a.O., S. 141.
  25. Mircea Eliade, Das Heilige und das Profane. Vom Wesen des Religiösen, Frankfurt 1984, S. 36.
  26. Alfred Lorenzer: Das Konzil der Buchhalter. Die Zerstörung der Sinnlichkeit. Eine Religionskritik. Frankfurt/M. 1984. Vgl. Verf.: "'... räumlich glaubet der Mensch'. Der Glaube und seine Räume"; in: Th. Klie (Hg.), Der Religion Raum geben, a.a.O., S. 51-76.
  27. Michel Foucault: "Andere Räume." In: Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik. K. Bark (Hg.) Leipzig 2/1991. S. 34-46, hier S. 37.
  28. ebenda.
  29. Vgl. Verf., "Im Kirchen-Raum Erfahrungen machen. Von der religiösen zur ästhetischen Erfahrung", forum religion, Heft 2, 1997. S. 3-7.
  30. Auffällig ist in letzter Zeit, dass bei Fernsehübertragungen (und nicht nur bei der Beerdigung Lady Di's) die Kamera immer häufiger die (simulierte) Perspektive Gottes einnimmt. Sie wird von den Fernsehregisseuren unter der Kuppel der Kirche montiert und betrachtet/überträgt von dort aus das Geschehen in der Kirche. Das gibt einen Vorausblick auf die Virtualisierung von Gottesdiensten im Internet, an denen man demnächst als Mann oder Frau, als Pfarrerin oder Pfarrer, als Küster oder Kirchenmaus bzw. als Gott oder Göttin teilnehmen kann.
  31. In einem spezifischen Sinne gibt der PC-Flugsimulator positiv wie negativ das exakte Modell der Kirchenpädagogik ab. In der Einleitung zu dem Buch "Cyberchurch? Kirche im Internet" geben Wolfgang Nethöfel und Matthias Schnell einen Eindruck davon, wie Simulation an die Stelle von Erfahrung treten kann und soll: "Kurz nach der Wende zum 16. Jahrhundert, am Vorabend der Reformation, schuf der württembergische Künstler Jerg Ratgeb einen wunderbaren Altar für die Stiftskirche in Herrenberg. Dieser wurde und wird in der Kunstgeschichte oft mit dem "Isenheimer Altar" von Mathis Gothard Neithard und dem sogenannten "Bamberger Altar" von Veit Stoß verglichen. Immer wieder hat er Architekten, Künstler und Theologen inspiriert. Durch die verschiedenen Zeiten hindurch verlangte dieser Altar nach einer Neuinterpretation. Unterstützt von Universitäten, Instituten, Akademien, Filmgesellschaften und Stiftungen hat sich eine Projektgruppe aus Historikern, Künstlern, Architekten und Computerexperten zusammengefunden, um dieses in der Kunst, Architektur und Geistesgeschichte verankerte Kunstwerk mit verschiedenen Medien neu erlebbar zu machen. Mit interaktiven Medien wird ein virtuell begehbarer Installationsraum inszeniert, der Bewegungs- und Handlungsfreiheit bietet. In dem simulierten Raum spielt die Geschichte der Stiftskirche zu Herrenberg mit dem Hochaltar des Jerg Ratgeb. Der Benutzer wird dabei zum Mitspieler einer Geschichte, die nicht nur vor seinen Augen wie auf einer entfernten Bühne oder Leinwand abläuft. Vielmehr geschieht sie um ihn herum, und er kann als Akteur eingreifen und mit anderen interagieren. Auf diese Weise wird es möglich, den Herrenberger Altar ganz neu zu erfahren, in die Landschaft und die biblischen Geschichten einzutauchen."
  32. Vgl. dazu G. Schmidtchen, Gottesdienst in einer rationalen Welt. Religionssoziologische Untersuchungen im Bereich der VELKD, Stuttgart 1973.
  33. So Christoph Ricker: "Brücke zwischen Sehen und Hören", a.a.O., S. 148.
  34. Diese Überlegungen übernehme ich in modifizierter Form aus einem Thesenpapier von Dietrich Neuhaus 'Zur Bedeutung des Zusammenhangs von Theologie/Kirche und Kunst/Ästhetik', Frankfurt 1995.
  35. M. Zeindler, Gott und das Schöne. Studien zur Theologie der Schönheit. Göttingen1993, S. 407f.
  36. Vgl. zum Vorstehenden den Artikel "Protestantismus" TRT
  37. Klaus Raschzok: Der Feier Raum geben. Zu den Wechselbeziehungen von Raum und Gottesdienst; in: Th. Klie (Hg.), Der Religion Raum geben, a.a.O., S. 112-135, hier S. 114ff.
  38. Etwa von Manfred Josuttis, Vom Umgang mit heiligen Räumen; in: Th. Klie (Hg.), Der Religion Raum geben, a.a.O., S. 34-43.
  39. Klaus Raschzok: Der Feier Raum geben, insbes. 116ff.
  40. M. Luther, Das Magnificat, verdeutscht und ausgelegt WA 7, 544-604.

© Andreas Mertin